Loslassen oder Kleben?


Wann ist es besser, gesetzte Ziele aufzugeben, statt an ihrer Erreichung zu kleben?

Ziele und im besonderen Maße deren Erreichung spielen in unserem beruflichen Leben eine große Rolle. Im Job werden wir daran gemessen, wie wir die von uns oder anderen gesetzten Ziele erreichen. Davon hängt in der Regel unser Gehalt ab, eine Bonuszahlung, die Beförderung aber auch individuelle Anerkennung. Erreichen wir unsere Ziele nicht, rechtfertigen wir uns nicht nur vor unseren Vorgesetzten, sondern viel mehr vor uns selber. So fühlen wir uns oftmals als Verlierer, als Loser, wenn wir unseren und den Erwartungen anderer nicht entsprechen.

Innere Programme lassen uns an Problemen kleben

Hartnäckigkeit, Stehvermögen und Ausdauer sind in der Tat wichtige Voraussetzungen für Lernen, Ausbildung, Beruf und auch für Beziehungen. Solche Fähigkeiten waren in frühester Zeit wichtig, als das Überleben noch von schnellen Reaktionen und Durchhaltevermögen abhängig war. Unser Gehirn unterstützt diesen steinzeitlichen „Überlebens-Prozess“. So laufen unbewusst innere Programme ab, die uns dazu verleiten, immer größeren Einsatz zu erbringen – zuweilen alles auf eine Karte zu setzen – nur um ein Ziel zu erreichen, das immer aussichtsloser wird.

Strategisches Aufgeben ist kein Scheitern

Seth Godin erklärt in seinem Buch „The dip. A little Book that teaches you when to quit (and when to stick)“ dass es notwendig ist, Energie, Zeit und Aufwand nur in solche Projekte und Ziele zu investieren, die vielversprechend sind. Dazu müssen allerdings auch solche Ziele aufgegeben werden, die unnötig hohen Aufwand verursachen und/oder keinen Fortschritt zeigen – quasi auf der Grundlage einer „informierten Entscheidung“.

Die Vorteile des Aufgebens können vielfältig sein. So zeigen Experimental-studien von Niko Ntoumanis von der Curtin University in Perth, dass Sportler, die sich von unrealistischen Zielen verabschiedeten weniger grübelten und emotional haderten als solche, die an diesen festhielten. Weiterhin zeigen Menschen, die loslassen können weniger gesundheitliche Beeinträchtigungen (z. B. Verdauungs-, Schlafstörungen, Ekzeme etc.), Stressempfinden und emotionale Belastungen. Im Gegenteil konnte die Steigerung von Leistung und Zufriedenheit bei der Neuausrichtung auf angemessenere oder realistischere Ziele beobachtet werden.

Der Ablöseprozess kann lange dauern, ist aber wichtig

Alan Bernstein (Psychologe) und Peg Streep (Wissenschaftsjournalistin) beschreiben in ihrem Buch „Quitting. Why we fear it – and why we shouldn’t“ wie man den Ablöseprozess gut meistern kann. Wichtig ist, sich vollständig zu lösen – dies geschieht am besten in vier Schritten:

  1. Finden Sie ein neues Ziel, das die eigenen Bedürfnisse oder Fähigkeiten besser abbildet oder dessen Erreichung realistischer ist. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um sich mental und emotional vom alten Ziel zu lösen. Vielleicht muss das alte Ziel auch nur in einigen Bereichen verändert oder angepasst werden.
  2. Vermeiden Sie Grübeleien wie „Vielleicht hätte ich doch noch durchhalten sollen…“ Solche Gedanken blockieren den Geist und verhindern neue Ideen. Statt diese Gedanken zu unterdrücken, ist es besser, sich bewusst auf etwas anderes oder das neue Ziel zu konzentrieren.
  3. Dass negative Gefühle wie Verlustängste, Frustration, Ärger, Neid oder Aggressionen auftreten, ist ebenfalls natürlich. Nehmen Sie diese Gefühle wahr und unterdrücken sie diese nicht. Erkennen Sie an, dass diese Gefühle auftreten, aber fokussieren Sie sich auf Ihr neues Ziel.
  4. Überlegen Sie, welche Schritte nun notwendig sind, um das alte Ziel endgültig zu beenden. Ergreifen Sie diese Maßnahmen und schaffen somit einen ordentlichen Abschluss. Diese vierte Stufe ist insbesondere wichtig, um zu verhindern, dass ungelöste Aspekte des alten Ziels weiterhin Ihre Ressourcen und Gedanken beherrschen. Schaffen Sie einen klaren Abschluss, um sich mit voller Kraft ihrem neuen Ziel zu widmen.

Quelle:
Schäfer, A. (2019). Die Kunst des Aufgebens. Psychologie Heute, 3, 17-23.

Weiterführende Literatur:
Brandstätter, V., & Herrmann, M. (2016). Goal disengagement in emerging adulthood: The adaptive potential of action crises. International Journal of Behavioral Development40(2), 117–125. doi.org/10.1177/0165025415597550

Godin, S. (2007). The dip. A little book that teaches you when to quit (and when to stick). Portfolio/Penguin: New York

Streep, P., & Bernstein, A. (2015). Quitting. Why we fear it – and why we shouldn’t- in life, love and work. Da Capo Lifelong Books: Philadelphia

Wrosch, C., Miller, G. E., Scheier, M. F., & de Pontet, S. B. (2007). Giving Up on Unattainable Goals: Benefits for Health? Personality and Social Psychology Bulletin33(2), 251–265. doi.org/10.1177/0146167206294905